Positionspapier 11. März 2020

Perspektive Nutztierhaltung in Deutschland

 

Seit sich Anfang der 1990er Jahre der EU Binnenmarkt für landwirtschaftliche Erzeugnisse geöffnet hat, steigt der Kostendruck auf die heimische Landwirtschaft immer weiter an. Um gegenüber Staaten wie Dänemark oder den Niederlanden wettbewerbsfähig zu bleiben, musste die Landwirtschaft immer effizienter werden.

Der Strukturwandel beschleunigte sich drastisch und die Konkurrenz um Ackerfläche verschärfte die Kostensituation zusätzlich. Die Betriebe wurden immer stärker dazu gezwungen weiter zu wachsen. (Wachse oder Weiche).

Gerade in den veredelungsstarken Regionen in Nordwestdeutschland gelang es den Bauern jedoch durch optimales Management und sehr gute biologische Leistungen weiterhin gute Erlöse zu erzielen und die Kostenführerschaft innerhalb der EU zu behalten.

Seit rund 10 Jahren ist jedoch ein immer stärkerer Wertewandel in der deutschen Bevölkerung zu beobachten. Die Landwirtschaft und besonders die intensive Tierhaltung werden zunehmend kritisch betrachtet. Daraus resultieren nicht nur immer schärfere Umwelt- und Tierschutzauflagen, sondern auch ein immer schlechteres Image der Landwirtschaft innerhalb der Bevölkerung.

Diese Faktoren verteuern einerseits die heimische Tierproduktion und andererseits haben viele Landwirte keine Lust mehr im Kreuzfeuer der Kritik zu stehen. Dies führt zu Resignation. Viele Betriebe hadern mit dem Gedanken auszusteigen, vor allem Sauenhalter. Die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung in Deutschland ist im Zeitraum von 2010 bis 2019 um mehr als ein Drittel (35 %) gesunken (von 33.400 auf rund 21.600).

Doch nicht nur der politische und gesellschaftliche Druck auf die Landwirtschaft wird immer stärker, auch deutsche Gerichte entscheiden immer häufiger gegen die bisherige landwirtschaftliche Praxis. So müssen Stallanlagen, gerade in der Sauenhaltung, schon nach wenigen Jahren wieder umgebaut werden, um den durch Gerichte bestätigten höheren Tierwohlauflagen zu genügen. Denn mehr Tier- und Umweltschutz erhöhen die Kosten deutlich. Da Deutschland seinen Binnenmarkt nicht gegen Importe aus anderen EU Staaten mit niedrigeren Standards abgrenzen kann, sind europaweite einheitliche Regelungen in Sachen Tier- und Umweltschutz unbedingt notwendig. Allerdings liegen die Ansichtigen der einzelnen Mitgliedsstaaten dazu bislang sehr weit auseinander sodass eine baldige Einigung nicht realistisch erscheint. Das alles führt dazu, dass gerade die jungen Landwirtinnen und Landwirte, welche gut ausgebildet aus Schule oder Studium nach Hause auf ihre Betriebe kommen, nicht wissen wohin sie ihre Betriebe weiter entwickeln sollen. Sie stehen der Schere aus strengen Auflagen und niedrigen Preisen ratlos gegenüber und haben Angst, dass sich die Tierproduktion aus Deutschland in andere Teile der EU oder gar dem osteuropäischen Ausland verlagert und sie ihre Existenz verlieren.

Einen Lösungsvorschlag bietet ein auf Bundesebene von Ministerin Klöckner berufenes „Kompetenznetzwerk für Nutztierhaltung“ das unter der Leitung von Landwirtschaftsminister a.D. Jochen Borchert arbeitet. Ziel des Kompetenznetzwerkes ist es, einen Gesellschaftsvertrag zu kreieren, der von allen demokratischen Parteien im Bundestag mitgetragen wird, über Legislaturperioden hinweg. Mit einer Nutztierstrategie will man die Kritik der Bevölkerung an der jetzigen Tierhaltung entkräften, ohne Verschärfung des Ordnungsrechts. Konkret soll ein Umbau der allermeisten Schweineställe hin zu Außenklimaställen stattfinden, in Anlehnung an die Haltungsstufe 2 des staatlichen Tierwohllabels – zunächst für die Schweinemast, langfristig aber für alle Nutztiere. Dazu benötigt es viel Geld und Planungssicherheit. In Anlehnung an das „Thünen Working Paper 124“ beinhaltet die Strategie des Kompetenznetzwerkes den Landwirten einen Vertrag zu erarbeiten, der den Umbau der Schweinemast ermöglicht. Neue Ställe sind nach besonderen Kriterien zum Tier- und Umweltschutz zu bauen. Dieser Umbau der Tierhaltung lässt sich am freien Markt nicht realisieren. Vielmehr ist es notwendig Geld durch den Staat bereitzustellen. Denkbar wäre in diesem Falle eine  Zwischenfinanzierung, orientiert am Beispiel des EEG.  Es bedarf einer Investitionsförderung und einer Tierwohlprämie die den Mehraufwand in den Ställen abdeckt.   

Wir jungen Landwirtinnen und Landwirte begrüßen  diese Idee  sehr, bringt sie uns doch endlich wieder eine Perspektive, wie wir unsere Betriebe weiterentwickeln können. Dabei sind wir uns durchaus der Risiken bewusst, da wir uns ohne Förderung mit den deutlich verteuerten Produktionsmethoden nicht mehr am internationalen Markt behaupten können und in 20 Jahren die Förderung auslaufen wird. Trotzdem sehen wir diese Chance  den Spagat zwischen dem gesellschaftlichen Ansprüchen und  der internationalen Wettbewerbsfähigkeit  zu lösen.

Besonders wichtig ist uns jungen Landwirtinnen und Landwirten, dass die Förderung den Mehraufwand auch wirklich ausgleicht. Das Geld muss den Landwirten ankommen und nicht durch geringere Auszahlungspreise bei Schlachtunternehmen oder dem Einzelhandel verbleiben. Außerdem muss der Einstieg in das System einfach sein, ähnlich wie bei der Initiative Tierwohl. Viele Landwirtinnen und Landwirte haben vor kurzem erst einen neuen Stall gebaut und sehr viel Geld investiert. Die Übergangszeit bis zum nötigen Umbau muss daher mindestens 20 Jahre betragen, um den Stall finanzieren zu können. Landwirte, die bereits in einen Tierwohlstall investiert haben, müssen ebenfalls die Möglichkeit haben, ihren Stall in das Programm mit einzubinden. Bisher scheitern viele Stallumbauten an strengen Emissionsrechten. Dieser Zielkonflikt muss gelöst werden. Eine Haltung mit Auslauf ist gerade in Zeiten von drohender ASP sehr problematisch. Wie können Außenklimareize trotzdem möglich sein? Biosicherheit ist in schweinehaltenden Betrieben von entscheidender Bedeutung…

Wir jungen Landwirtinnen und Landwirte in Westfalen-Lippe möchten unser Berufsleben auf unseren Höfen verbringen und diese natürlich auch an unsere Kinder weitergeben. Wir können uns vorstellen, dass die Nutztierstrategie ein Weg ist, um unsere Betriebe langfristig zu erhalten und freuen uns, wenn wir den Weg dahin mitgestalten können.

Wir jungen Landwirtinnen und Landwirte in Westfalen-Lippe möchten uns für die Zukunft gut aufgestellt wissen und die Landwirtschaft in der Region erhalten, wir wissen um unsere Bedeutung und Verantwortung im ländlichen Raum.

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